Artikel-Auswahl

ROBIN WOOD-Magazin 3/2000


  1. Das Dorf und das Atomkraftwerk
  2. Aus lauter Lust am Leben...
  3. Saamische Landnahme in Schwedens Hauptstadt


energie: Heft 3/2000, S. 22

Das Dorf und das Atomkraftwerk

ORHAN ÇALISIR, Bremen

Nach jahrelangen Vorbereitungen hat am 25. Juli der Ministerrat der Türkei den Verzicht auf das erste Atomkraftwerk in der Türkei verkündet. Am Tag zuvor sollte entschieden werden, welches von den drei Bewerberkonsortien den Bauauftrag bekommt. "Nuclear Power International" (kurz NPI), ein Konsortium geführt von der deutschen Siemens AG, war der aussichtsreichste Kandidat für den Bau des Atomkraftwerks. Dieses Atomkraftwerk wäre das erste im gesamten Nahen Osten. Damit würde auch in der Region ein Wettlauf um die Atomtechnologie unter den rivalisierenden Staaten gestartet.

Büyükeceli ist ein Dorf an der Südküste der Türkei. Wie viele der tausend Dörfer in Anatolien hat es einen Dorfplatz, zwei Moscheen und zwei Schulen. Es liegt an der Küstenstraße zwischen Mersin und Antalya, ca. 270 km Luftlinie östlich der Touristenhochburg Antalya. Im Dorf leben 2300 Menschen. Es beginnt direkt am Meer und zieht sich drei bis vier Kilometer in die Berge hinauf. Inmitten von kleinen Gärten liegen verstreut die Häuser der Bauern. Sie pflanzen Tomaten, Gurken und Zuchini. Viele besitzen kleine Treibhäuser. Wenn das Jahr gut ist, erwirtschaften die Bauern bis zu drei Ernten.

Die Bucht von Akkuyu

Bis 1976, als die türkische Regierung das erste Atomkraftwerk des Landes bauen wollte, fanden elf Familien in der Bucht von Akkuyu, einem Ortsteil von Büyükeceli, ihr Auskommen. Heute ist dieser Teil des Dorfes verbotene Zone, denn am Strand, dort wo die Fischer früher ihre Netze reparierten, liegt jetzt das eingezäunte Gelände der Baustelle. Das Land wurde gegen eine sehr geringe Entschädigung enteignet. Die Bauern zogen vor den Kadi. Die Prozesse dauerten Jahre und endeten ohne Erfolg für die Bauern.

Erst Mitte der 80er Jahre, also 10 Jahre nach der Enteignung wollten die staatlichen Stellen die geringe Entschädigung auszahlen, die durch die hohe Inflation noch an Wert verloren hatte. Viele der Bauern weigerten sich das Geld anzunehmen, da dies in ihren Augen die unrechtmäßige Enteignung legitimiert hätte. Der 73-jährige Ibis Sari ist einer der Bauern, der sein Land verloren hat. Er erzählt von früher: "Mein Vater kam als 20-jähriger nach Akkuyu. Er ist 1960 mit 83 Jahren gestorben. Er war der Erste in Akkuyu und wir, seine Kinder, haben seitdem dort gelebt." Der Vater von Ibis Sari gab ihr den Namen Akkuyu, auf Deutsch "weißer Brunnen".

Das neue Leben im Dorf

Noch bis vor 30 Jahren waren die BewohnerInnen von Büyükeceli Halbnomaden. Ein Großteil der DorfbewohnerInnen zog in den Sommermonaten mit ihren Zuchttieren in die Taurusberge. Die moderne Landwirtschaft entwickelte sich erst in den 70er Jahren. Einige der Familien im Dorf und in Akkuyu lebten bis 1976 vom Fischfang. "Die von der Atomorganisation kamen 1975 zum ersten Mal dorthin und haben Bohrungen durchgeführt. Wir waren auf einmal mitten im Baugelände. Ich habe dann meine Kinder ins Dorfzentrum gebracht. Da wir im Dorf nichts hatten, waren wir auf einmal Obdachlose", berichtet Ibis Sari. Zunächst hatten die Behörden den Bauern erzählt, dass sie nach Erz suchten. Als bekannt wurde, dass die Regierung ein Atomkraftwerk bauen will, kam es zu überraschenden Widerstandsaktionen der Bauern. Beim Bau eines Zaunes mitten durch das Dorf gab es erste Auseinandersetzungen: Die Frauen aus dem Dorf verjagten die Bauarbeiter mit Steinen. Später zogen die Bauarbeiter den Zaun unter dem Schutz der Gendarmerie so, dass nur die Bucht von Akkuyu hinter einem kleinen Berg vom Dorf getrennt wurde.

Die Leute aus Akkuyu gehören heute zu den Ärmsten im Dorf Büyükeceli, denn sie haben kein Land, das sie bestellen können. Da es in dieser Gegend kaum Tourismus gibt, ist die Haupteinnahmequelle der Bevölkerung die Landwirtschaft. Das angebaute Gemüse wird in der etwa 150 Kilometer entfernter Millionenstadt Mersin verkauft. Aus diesem Grunde wollen die Bauern von Akkuyu ihr Land zurück. Ibis Sari bekam leuchtende Augen, wenn er von Akkuyu sprach. "Wenn sie mich nur lassen würden, würde ich hier keine Minute warten", sagte er im August 1998. Im Frühjahr 1999 starb er mit 74 Jahren, ohne sein Akkuyu wieder gesehen zu haben.

Im April 1999 wurde der Bürgermeister von Büyükeceli, Kemal Güdül, abgewählt. Der glühende Gegner des Atomkraftwerks hatte sich in den letzten Jahren verändert. Nicht nur, dass er plötzlich für den Bau des Atommeilers war, er wurde auch von Tag zu Tag wohlhabender.

Der Bauer Kemal Budak, der seit 15 Jahren das Amt des Vorstehers eines Teiles des Dorfes bekleidet, meint zum Seitenwechsel des Bürgermeisters im Sommer 1998: "Ein Mann, der nichts besaß, fährt jetzt einen dicken Wagen. Ein Mann, der nichts besaß, hat jetzt in vier Baugesellschaften je drei bis fünf Wohnungen. Ein Mann, der nichts besaß, hat jetzt zwei LKWs. Entschuldigen Sie mich, wenn ich so deutlich werde, man sagt bei uns 'Den Dieb erkennt man an seinem Gewinn'. Wir sind hier eine kleine Gemeinde und wissen, wer was hat."

Mit fast zweidrittel Mehrheit gewinnt Hümmet Büyük die Wahl des Bürgermeisters. Er führte seine Wahlkampagne mit dem Motto: "Nein zum Atomkraftwerk in Akkuyu". Diejenigen, die um den ehemaligen Bürgermeister Kemal Güdül das Atomkraftwerksprojekt bejahen, werden im Dorf als "Ja-Sager" bezeichnet. Und die Promotionsveranstaltungen für die "saubere und sichere Energie" von der staatlichen Energiebehörde werden "Ja- Veranstaltungen" genannt. Spätestens seit der Tschernobyl-Katastrophe entscheiden die Wähler nicht mehr nach politischem Programm der Parteien, sondern nach ihrer Haltung zum AKW-Bau. Es gibt nur die "Ja"- und "Nein- Sager" zum Atomkraftwerk. Bei einer Umfrage im Dorf im vergangenen Juli votierten 85% der fast 550 Beteiligten gegen den Bau des Atomkraftwerkes.

Die Proteste

Seit 1993 organisieren die Bauern zusammen mit der so genannten "Anti-Nuklear- Plattform" der AtomenergiegegnerInnen aus Großstädten eine Kundgebung auf dem Dorfplatz. Jedes Jahr am 8. August, am Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Nagasaki, versammeln sich Menschen aus vielen Teilen des Landes auf dem Dorfplatz von Büyükeceli. Bauern aus Bergama, die seit Jahren gegen die Goldwäsche einer US-amerikanischen Firma mit Zyanid kämpfen, Menschen aus der Küstenstadt Sinop am Schwarzen Meer, die als Standort für das zweite Atomkraftwerk ausgesucht wurde und GegnerInnen der Atomenergie aus den Städten.

Im August 99waren es wieder 2500 Menschen, die sich bei über 40 Grad im Schatten stundenlang Reden anhörten und demonstrierten. "Die Türkei wird keine nukleare Müllhalde werden" rufen die Menschen. Ein alter Bauer ergreift das Mikrofon und spricht zu der Menge: "Ich bin ein Bauer, der in Büyükeceli geboren ist. Und ich will in Büyükeceli leben und sterben. Wenn die Türkei eine Republik ist und kein Königreich, wollen wir von der Regierung weder Geld noch Besitz, auch keine Posten und Ämter. Wir wollen nur unser eigenes Land für uns."

Mustafa Gök war der Schäfer des Dorfes. Er brachte jahrelang die Ziegen und Schafe seiner Nachbarn auf die Weiden auf den Taurus. Jetzt ist er alt, kann wegen seines Buckels kaum aufrecht stehen. Er hat Angst, dass nicht nur Akkuyu, sondern das ganze Dorf evakuiert wird, wenn einmal der Bau des Atomkraftwerks beginnt. Wie Viele im Dorf hat er Angst um seine Kinder und Enkelkinder, Angst davor, keine Heimat mehr zu haben. "Wir wollen nicht aus unserem eigenen Land als Flüchtlinge vertrieben werden. Dieses Land gehört uns", sagte er zum Schluss seiner Rede.

Das Leben mit dem Erdbeben

Im August 1998 führt uns Bilge Yilmaz, der stellvertretende Dorfvorsteher durch das Dorf. Er zeigt uns die Sehenswürdigkeiten der Umgebung, erzählt von dem Erdbeben am 27. Juni 1998. Damals erschütterte ein Erdbeben der Stärke 6,3 auf der Richterskala die Stadt Adana, gerade 170 km östlich von Büyükeceli. 200 Tote und 1000 Verletzte waren zu beklagen. "Dieses Gebäude ist die Grundschule unseres Dorfes. Diese Risse hier sind von dem letzten Erdbeben", erklärt uns Bilge Yilmaz, zeigt uns die Risse an dem Schulgebäude und fügt hinzu: "Ich bin 38 Jahre alt und kann mich an vier Erdbeben erinnern."

Besonders nach der letzten verheerenden Erdbebenkatastrophe vom 17. August 1999 in der Marmara-Region haben die Menschen Angst. Fast die gesamte Türkei ist Erdbebengebiet, sagen die SeismologInnen. Auch das Dorf Büyükeceli ist nicht erdbebensicher, meinen die ExpertInnen. Gerade 25 Kilometer von dem geplantem AKW entfernt verläuft eine Bruchlinie der Erdplatten, der Ecemis-Graben. Nach Angaben der türkischen Atomenergiebehörde ist diese Bruchlinie nicht aktiv. Ganz anderer Meinung sind die GeophysikerInnen aus England und der Universität Dokuz Eylül in Izmir, die zwischen 1987 und 1990 den Ecemis-Graben untersuchten. Sie sind der Meinung, dass in der Region gar keine Industrieanlagen gebaut werden dürfen, von denen bei einem Erdbeben Gefahr für die Menschen ausgehe, geschweige denn ein AKW.

Die türkische Atomenergiebehörde geht von veralteten Daten aus und weigert sich neue Untersuchungen in der Region durchzuführen. Diese Tatsache bestätigt auch Prof. Tolga Yarman, ehemaliges Mitglied der türkischen Atomenergiekommission (AEK). Der renommierte Atomphysiker war 1977 der General-Raporteur der Weltenergiekonferenz und zwischen 1975 und 1982 Mitglied der AEK. In dieser Eigenschaft hatte er zusammen mit zwei anderen Wissenschaftlern 1976 die Standortlizens für Akkuyu erteilt. Heute ist er anderer Meinung: "Diese Bruchlinie Ecemis macht mir Kopfschmerzen. Ich bin kein Seismologe, ich sage nicht, dass diese Bruchlinie aktiv ist, aber niemand kann behaupten, dass sie nicht aktiv ist. Angesichts der neuen Entwicklungen muss die Gegend aufgrund der Erdbebengefahr neu untersucht werden." Tolga Yarman fügt hinzu: " Damals haben wir diese Daten nicht gehabt. Auf den Karten, die wir damals zur Verfügung hatten, war Akkuyu und Umgebung eines der wenigen Gebiete in der Türkei, die nicht erdbebengefährdet waren."

Die Planer des Atomkraftwerks führen keine neuen seismologischen Untersuchungen durch. Auf einer Pressekonferenz im Juli 1998 in Istanbul sagte Ulrich Fischer, Manager der Siemens AG (einer der Bewerber zusammen mit der französischen Farmatome für den Bau des Atomkraftwerks in Akkuyu) mit Anspielung auf das Erdbeben in Adana, mit der Stärke von 6,3: "Das Atomkraftwerk, das wir bauen, hält auch ein Erdbeben der Stärke 8,3 aus." Mittlerweile ist aber bekannt geworden, dass das Atomkraftwerk in Akkuyu nur für Erdstöße von maximal 6,5 auf der Richterskala ausgelegt sein wird.

ORHAN ÇALISIR, freier Journalist, arbeitet seit zwei Jahren an einem Dokumentarfilm über das geplante Atomkraftwerk in Akkuyu und ist in der ROBIN WOOD-Geschäftsstelle zu erreichen, Tel.: 0421/598288



titel: Heft 3/2000, S. 15

Aus lauter Lust am Leben...

...lautet das Motto der Rommelmühle bei Stuttgart, dem 1. Öko- Kaufhaus in Deutschland. Dort wird den KundInnen unter einem Dach eine breite Palette an ökologischen Produkten aber auch Dienstleistungen geboten. Öko-Einkauf als Erlebnis und ohne moralischen Zeigefinger ist ein Erfolgsrezept der Öko-Kaufhäuser, so Ute Zander vom Clearing-house nachhaltiges Wirtschaften (caf). Das caf hat von 1996 bis 99 das QUATRO-Projekt "Öko- Kaufhäuser" geleitet und berät Unternehmen, wie sie mit einem gemeinsamen Marktauftritt erfolgreicher wirtschaften und Öko- Produkte einer breiten Kundschaft anbieten können. Mit Ute Zander sprach Christiane Weitzel.


? Wie ist das Projekt Öko-Kaufhaus entstanden?

! 1995 sollte im Zuge der Übernahme von Hertie durch Karstadt die Hertie-Filiale in Mannheim geschlossen werden. Der Betriebsrat schlug jedoch vor, diese Filiale als Öko-Kaufhaus neu zu profilieren. Vorangegangen war bereits eine jahrelange Kooperation mit dem BUND. So hat Hertie diverse Aktionen wie zum Beispiel der "ökologische Putzschrank" durchgeführt, um das eigene Sortiment umweltfreundlicher zu gestalten. Trotz der guten Ideen und engagierten Planungen konnte die Führungsetage nicht überzeugt werden und hat schließlich Ende 1999 den Standort geschlossen.

Doch die Idee eines Öko-Kaufhauses war einfach zu gut, um sie sterben zu lassen. Im Laufe der Planungen in Mannheim war bei einer Reihe von Unternehmen das Interesse geweckt worden. 1996 gründete sich eine Projektgruppe, die für drei Jahre vom Land Nordrhein- Westfalen und der EU gefördert wurde, um das Konzept weiterzuentwickeln und Unternehmen zu beraten. Mittlerweile wurden die Rommelmühle bei Bietigheim-Bissingen, das ÖCO in Oldenburg und das Ökologia in Weiden eröffnet und etwa acht bis zehn weitere Standorte stehen in den Startlöchern.


? Worin liegt die besondere Chance für ein Öko-Kaufhaus?

! In fast jeder Stadt gibt es mittlerweile Anbieter von ökologischen Waren, wie ein Blick in die alternativen oder grünen Branchenbücher zeigt. Nur liegen diese weit verstreut über das Stadtgebiet. Ein Öko- Kaufhaus bietet die Chance, die Öko-Anbieter unter einem Dach zusammenzufassen und den KundInnen dort ein breites Angebot zu präsentieren. Denn bisher bedeutet ökologischer Einkauf, dass weite Wege zurückgelegt werden müssen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass ein Öko-Zentrum viel effektiver Marketing betreiben kann. Mit einem gemeinsamen Marketingetat lassen sich ganz andere Dinge umsetzen und mehr Aufmerksamkeit erreichen, als wenn jeder allein vor sich hin wurschtelt. Zu diesen Angeboten - und das ist besonders wichtig für arbeitende Singles und Familien – gehört dann z.B. auch ein Lieferservice oder längere Öffnungszeiten.


? Was verbirgt sich hinter dem "Krefelder Modell"?

! In Krefeld wollen die Anbieter von Öko-Produkten sich vernetzen, aber nicht gemeinsam in ein zentrales Gebäude ziehen. Es sollen alle Vorteile eines gemeinsamen Marktauftritts genutzt werden, wie ein gemeinsamer Lieferservice, gemeinsame Aktionen und ein gemeinsamer Internetauftritt.

Die Palette der 28 Öko-Anbieter in Krefeld reicht von Naturkostläden, Öko-Bäcker über Architekten, Öko-Baumarkt, Spielzeugladen bis hin zu Fahrradkurieren und einem Tauschkreis. Ein guter Ansatz – im Moment allerdings noch Zukunftsmusik – wäre z.B., wenn der Architekt, der Tischler und der Baumarkt zusammenarbeiten und gemeinsam Produkte entwickeln und anbieten würden. Als Einstieg haben die Unternehmen zusammen einen kleinen Stadtplan herausgegeben, auf dem alle Ökoanbieter eingetragen sind. Eine gute Aktion!


? Hat das Krefelder-Modell schon Nachahmer gefunden?

! Nein, leider nicht. Dabei lohnt sich ein gemeinsamer, gut geplanter Marktauftritt gerade in kleinen oder mittleren Kommunen. Wird auf den Ansatz "alles unter einem Dach" verzichtet, ist zu Beginn keine große Investition nötig, das Vorhandene und die Vorteile einer abgestimmten, gemeinsamen Strategie können genutzt werden. Vielleicht auch mit der Perspektive irgendwann die Geschäfte unter einem Dach zu vereinen.


? Wie schätzen Sie ein, dass zunehmend konventionelle Supermärkte ökologische Produkte in ihr Sortiment aufnehmen?

! Dies ist neben dem Krefelder Modell oder einem Öko-Kaufhaus wie der Rommelmühle bei Stuttgart eine gute Möglichkeit, um ökologische Produkte marktfähig zu machen. Der Vorteil ist, dass in einem normalen Supermarkt ganz normale DurchschnittskundInnen angesprochen werden, ohne Schwellenangst nach dem Motto: "Ich geh nicht in einen Bioladen, weil ich nicht weiß, wie ich mich dort verhalten soll."

Die Warenhauskette Famila mit der Zentrale in Soest ist eine Kooperation mit der Marktgenossenschaft der Naturland-Bauern in Lippetal-Lippbog eingegangen. Unter der Marke "Gemeinschaft der Naturland-Bauern" bietet Famila in ihren Filialen eine ganze Palette Naturlandprodukte an, vor allem Frischgemüse aus der Region aber auch Tiefkühl-Gemüse, Molkereiprodukte, Eier und Brot. Allerdings müssen unbedingt noch mehr Bauern für die Umstellung auf biologische Landwirtschaft gewonnen werden, denn durch die Nachfrage in den Supermärkten geraten die Naturland-Bauern an ihre Kapazitätsgrenzen.


? Welche Produkte werden denn in einem Öko-Kaufhaus angeboten? Nach welchen Kriterien wird ausgewählt, was wirklich öko ist?

! Innerhalb des QUATRO-Projekts "Öko-Kaufhaus" haben wir Kriterien entwickelt, die auf den Gedanken der Nachhaltigkeit basieren, also wirtschaftliche, soziale und ökologische Kriterien gleichermaßen berücksichtigen. Erst einmal müssen die Unternehmen im Öko-Kaufhaus ökonomisch erfolgreich sein. Dann ist wichtig, dass die Produkte sozialverträglich gefertigt werden, zum Beispiel ohne Kinderarbeit und aus fairem Handel stammen. Es wird auch Wert auf regionale Produktion und Vermarktung gelegt. So ist zum Beispiel in Nürnberg ein Regional-Kaufhaus in Planung, das neben ökologischen Produkten auch konventionelle Erzeugnisse aus der Region anbieten wird.

Im ökologischen Bereich sollten die Produkte zunächst einmal nützlich und sinnvoll sein. Das heißt, sie müssen das vom Hersteller gegebene Versprechen auch erfüllen! Grundsätzlich kann man schließlich alles auf eine umweltschonende Art und Weise produzieren, ob es den Menschen einen echten Nutzen bringt, ist eine andere Frage. Darüber hinaus ist es wichtig, dass die Waren langlebig und gesundheitsverträglich sindund gut repariert werden können.

Neben solchen Mindestkriterien sind aber auch Verlaufskriterien möglich. Das bedeutet, die ProduzentInnen und die HändlerInnen einigen sich darauf, dass bei Produkten, von denen noch gar keine ökologische Variante existiert, wie zum Beispiel Fernseher, in drei Jahren ein bestimmter Öko-Standard erreicht werden soll.


? Viele Menschen meinen, dass sie es sich finanziell nicht leisten können Ökowaren zu kaufen. Ist ein Öko-Kaufhaus nur für den Konsum der Besserverdienenden gedacht?

! Nein, bestimmt nicht. Die meisten Öko-Produkte zeichnen sich durch eine viel höhere Qualität oder durch Langlebigkeit aus. So können die VerbraucherInnen Kosten sparen, wenn sie sich das bewusst machen. Ein Bäcker hat mal ausgerechnet, dass seine Vollwertbrote zwar im Kilopreis teurer sind aber nicht im Nutzwert. Wer sonst drei, vier Scheiben essen muss, ist bei seinem Brot schon nach ein, zwei Scheiben satt und spart für die auch noch den Belag.

Öko-Kaufhäuser können wegen des höheren Umsatzes ihre Preise niedriger ansetzen. Auch die Öko-Supermärkte, die deutschlandweit zur Zeit entstehen, machen auf einer größeren Fläche mehr Umsatz und verkaufen ihre Ware oft zu geringeren Preisen. An den Mehrpreisen der Öko-Branche ist zu einem Großteil die bisher noch mangelhafte Logistik und nicht nur die aufwendigere Produktion Schuld. Da ist noch ein großes Einsparpotential vorhanden, das Öko- Kaufhäuser nutzen können.


? Ökologisch konsumieren – ist das nicht ein Widerspruch in sich?

! Nein. Es ist ja schon ein Fortschritt, wenn weniger umweltschädliche Produkte gekauft werden und so eine Wirtschaftsweise gefördert wird, die stärker im Einklang mit unserer Umwelt steht. Damit sich aber Projekte wie Öko-Kaufhäuser dauerhaft etablieren können, ist es wichtig, dass der Einkauf mit einem Erlebnis verknüpft ist, das zum Beispiel über das Angebot oder das Gebäude vermittelt wird. Die Leute erleben dann, dass ökologisch Einkaufen kein Verzicht oder den Rückfall in die Steinzeit bedeutet, sondern die Lebensqualität erhöht. Wir müssen den Leuten Alternativen bieten und aufklären und zwar ohne den moralischen Zeigefinger. Deshalb lautet das Motto der Rommelmühle "Aus lauter Lust am Leben".



hintergrund: Heft 3/2000, S. 8

Lilla Sápmi

Saamische Landnahme in Schwedens Hauptstadt

Rudolf Fenner, Hamburg

Mitten in Stockholm, in einem kleinen Park direkt vor dem schwedischen Reichstag, eingerahmt vom Opernhaus und dem königlichen Stadtschloss, begab sich Ungewöhnliches: Drei geräumige Kotas - Zelte, wie sie von den Saami noch immer genutzt werden, wenn sie ihren Rentieren während der Sommermonate in die Berge folgen, waren dort am frühen Sonntagmorgen am Ufer des Strömparterren-Parks aufgeschlagen worden. Die Fahne der skandinavischen Urbevölkerung wehte über dem Platz und ein weithin sichtbares Transparent erklärte die von Wasser umgebenen Grünanlagen zum saamischen Territorium, von den Okkupanten Lilla Sápmi - kleines Land der Saami - genannt.

Die symbolische Landbesetzung, von der Polizei letztlich geduldet, begann Mitte Mai und dauerte eine Woche. Sie war der bislang stärkste öffentliche Protest der Saami gegen die Regierung in Stockholm, die die schwedische Urbevölkerung in ihrem existenzbedrohenden Konflikt mit rund siebenhundert Waldbesitzern seit Jahren im Stich lässt.

Vor rund zehn Jahren begann dieser Konflikt, als eine Reihe von Waldbesitzern gegen vier Saami-Gemeinden Klage einreichte, mit dem Ziel, den Rentieren dieser Gemeinden im Winter den Zugang zu den Wäldern zu versagen. Anfangs hielt es kaum jemand für möglich, dass sich das traditionelle Recht der Saami durch ein simples Gerichtsurteil aushebeln lässt. Doch dann gewannen 1996 die klagenden Waldeigner diesen Prozess. Das schwedische Recht, so stellte sich dabei heraus, spricht den Saami zwar grundsätzlich das Recht auf Winterweide in den Wäldern zu. Zweifelt dies aber jemand im konkreten Fall an, so liegt seltsamerweise die Nachweispflicht für die tatsächliche Existenz eines Gewohnheitsrechts bei den Saami. Und ein solcher Nachweis ist nur erfüllt, wenn mit schriftlichen Unterlagen eine regelmäßige Mitnutzung des umstrittenen Waldgebietes über die letzten neunzig Jahre belegt werden kann. Da aber bis in dieses Jahrhundert in der Kultur der Saami keine Schrift existierte, können sie einen solchen Nachweis nicht erbringen.

Kein Wunder, dass nach diesem ersten Prozesserfolg eine ganze Serie von Prozessen gegen Saami-Gemeinden überall in Schwedisch-Lappland angestrengt wurde. Heute werden in insgesamt sieben Gerichtsverfahren die Klagen vieler hundert Waldbesitzer verhandelt. Ihre Verbände, die auch die Holzvermarktung für ihre Mitglieder übernehmen, treten zum Teil selbst als Kläger auf (Mellanskog) oder unterstützen ihre Mitglieder tatkräftig (Norrskog). Der existenzbedrohende Angriff gegen die typische saamische Lebensform rollt auf breiter Front.

Allein die Kosten für diese Gerichtsverfahren drohen die Saami-Gemeinden zu ruinieren. Der erste Prozess hatte den beklagten Gemeinden einen Kostenberg von umgerechnet mehr als zwei Millionen Mark aufgebürdet. Und drei der derzeit beklagten Gemeinden, Idre, Udtja und Gällivare, haben gerade ihre Verteidigung eingestellt, weil sie ihre Rechtsanwälte nicht mehr bezahlen können. Doch die Regierung fühlt sich offensichtlich nicht berufen, aktiv zu werden und für faire Verhältnisse zu sorgen. Dabei hat sich Schweden aktiv an der Erarbeitung der ILO-Konvention 169 zum Schutz indigener Völker beteiligt. Aber wenn es darum geht, diese Konvention auch zu ratifizieren, damit sie im eigenen Land gilt, dann verhält sich die schwedische Regierung mehr als zurückhaltend. Die Nachbarländer Norwegen und Dänemark haben diese Konvention schon 1990 bzw. 1996 ratifiziert.

"Ratificera ILO 169!” war daher auch die häufigste Forderung, die auf den bunten Schildern und Transparenten von rund hundert Saami auf einem Demonstrationszug durch die City von Stockholm zu lesen war. Zur Abschlusskundgebung kam auch die für Saami-Fragen zuständige Ministerin Margareta Winberg. Sie kam sogar auch noch am nächsten Morgen zu einer Art Staatsbesuch in das Camp von Lilla-Sápmi. Doch außer vielen Worten des Verständnisses für die schwierige Lage der Saami, wurden von ihr keine konkreten Schritte zur Veränderung der Situation genannt. Spätestens im Herbst allerdings muss sie Farbe bekennen. Denn dann ist ein Bericht an das schwedische Parlament vorgesehen, in dem die Regierung darlegen muss, wie sie mit der Frage der Ratifizierung der ILO-Konvention umgehen will.

ROBIN WOOD hat die Aktion der Saami in Stockholm mit einer Solidaritätsaktion vor der Schwedischen Botschaft in Berlin unterstützt (siehe Tatorte). Wir waren anschließend auch in Stockholm dabei und haben deutlich gemacht, dass dieser Waldkonflikt auch außerhalb Schwedens wahrgenommen wird – nicht nur von Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen, sondern auch von immer mehr Unternehmen, die ihre Holzprodukte aus Schweden beziehen.

Seit über einem Jahr unterstützt ROBIN WOOD den Kampf der Saami für den Erhalt ihrer Winterweiderechte. Denn es gehört nach unserer Auffassung zu den Mindestanforderungen an eine ökologisch und sozial verträgliche Waldnutzung, dass dabei die traditionellen Rechte der indigenen Bevölkerung gewahrt bleiben. Dieser Konflikt "Waldbesitzer versus Saami" ist längst zu einem Paradebeispiel geworden, an dem fundamentale Unterschiede zwischen dem FSC-Waldzertifikat und dem als Gegenbewegung dazu von Waldbesitzerseite kreierten PEFC-Zeichen deutlich werden: Der FSC, dessen Zertifikat auch von Umweltverbänden unterstützt wird, hat die Saami an der Entwicklung seiner schwedischen Richtlinien beteiligt und die Nutzung der Wälder als Rentier-Winterweide generell anerkannt. Die schwedischen Waldbesitzerverbände haben sich dagegen vor drei Jahren, gerade weil sie die traditionellen Rechte der Saami nicht anerkennen wollen, gegen den FSC ausgesprochen. Sie stehen heute hinter dem schwedischen PEFC-System.

Rudolf Fenner ist Waldreferent von ROBIN WOOD und Spezialist für die borealen Wälder. Er ist in der ROBIN WOOD-Pressestelle unter 040/3909556 telefonisch zu erreichen.



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