| Landrechtskonflikte und Gerichtsverfahren
In den letzten Jahrzehnten wurde das Gewohnheitsrecht der Sámi auf Winterweide insbesondere in privaten Waldgebieten und Wäldern von Waldbesitzerverbänden angezweifelt. Die Waldbesitzer behaupten, daß die Rentiere ihre Pflanzungen schädigen, indem sie ihre Geweihe an den Jungbäumen fegen. In der Tat entsteht Schaden solcher Art, jedoch nur an einzelnen Jungbäumen und in wesentlich geringerem Ausmaß als von den Waldbesitzen behauptet. Verglichen z.B. mit Elchschäden, sind die Einbußen für die Waldbesitzer sehr gering. Ein staatlich finanzierter Fond, aus dem betroffene Waldbesitzer für enstehende Schäden entschädigt werden, müßte eingerichtet werden. Der Konflikt gipfelt derzeit in sieben Gerichtsverfahren, die von Gruppen privater Waldbesitzer angestrengt werden. Sie stellen die Landnutzungsrechte der Sámi in Frage und fordern Schadensersatz für die vermeintlichen Schäden der Rentierweide. Da es keine schriftlichen Dokumente gibt, die die geschichtliche Landnutzung belegen, haben die Sámi kaum eine Chance, die Gerichtsverfahren zu gewinnen. Verlieren die Sámi diese Prozesse, müssen sie sowohl Entschädingungskosten an die Waldbesitzer als auch die gesamten Gerichtskosten zahlen.Die Prozesse stellen somit eine existenzielle Bedrohung für die Sámigemeinden dar. |
Ohne Winterweiderechte im Privatwald
können die Sámi ihre Herden nicht über den Winter bringen.
Vielfältige Waldnutzung Weder die Forstwirtschaft noch die Rentierhaltung können alleinige Nutzungsrechte auf die Wälder Nordschwedens fordern. Daher sind Regeln erforderlich, die die Koexistenz beider Landnutzungsformen ermöglichen. Notwendig ist eine gegenseitige Respektierung beider Erwerbszweige und Einvernehmen darüber, daß sowohl für die Forstwirtschaft als auch für die Rentier-weide Einbußen entstehen können. Seit den 60er Jahren ist die Forstwirt-schaft in Schweden durch Kahlschläge, Bodenbearbeitung und Monokulturpflanzungen geprägt. Diese Methoden haben die Rentierweide zunehmend erschwert und zur Abnahme der biologischen Vielfalt in den Wäldern beigetragen, große Winterweide-gebiete wurden zerstört. Trotzdem sagen die Sámi nicht Nein zur forstlichen Wald-nutzung es sind die privaten Waldbesitzer, die Nein zur Rentierweide sagen und den Wald für die Holznutzung monopolisieren wollen. Alle großen Forstunternehmen und der schwedische Staat akzeptieren die Rentier-weide und sehen sie nicht als schädigend für ihre Wälder an. Der Konflikt spielt sich ausschließlich in Privatwald ab, d. h. auf 50 Prozent der Waldfläche Schwedens. |
Wer sind die Sámi? Die Sámi sind die Urbevölkerung Nordskandinaviens. Wo leben die Sámi? Lappland, das die Sámi Sápmi nennen, erstreckt sich über den Norden Schwedens, Norwegens, Finnlands und der russischen Kolahalbinsel. Die Sámi bevölkerten das Gebiet lange bevor die heutigen skandina-vischen Staaten entstanden. Der schwedische Teil Sápmis umfaßt den größten Teil Nordschwedens. Die Kerngebiete liegen entlang der Gebirgskette zu Norwegen. Wie viele Sámi gibt es? Mit etwa 70.000 Menschen sind die Sámi ein zahlenmäßig kleines Volk. In Schweden gibt es ungefähr 17.000 Sámi, etwa 3.000 von ihnen leben noch heute von der Rentierhaltung. |
Wie lebten die Sámi früher?
Die Sámi lebten traditionell vom Fischen und Jagen. Die rentierhaltenden Sámi führten ein Nomadenleben. Ihre traditionelle Lebensweise ist geprägt durch starke Naturverbundenheit. Sie folgten den Rentieren auf ihrem Weg von den Sommerweidegebieten in den Bergen zu den Winterweiden in den Wäldern. Historische Dokumente von 800 n.Chr. beschreiben bereits ein System der Rentierhaltung, das auf einer jahreszeitlich angepaßten Nutzung der Landflächen basierte. Wie leben die Sámi heutzutage? Noch immer folgen die rentierhaltenden Sámi den Rentieren, wenn diese von den Sommer- zu den Winterweidegebieten ziehen. Allerdings folgen sie ihnen nicht mehr auf Skiern oder zu Fuß, denn die Rentierzüchtung ist modernisiert und folglich motorisiert worden. Die Sámi sind kein Nomadenvolk mehr, sie sind seßhaft geworden und haben sich mehr und mehr dem schwedischen Lebensstil angepaßt. Und dennoch: Rentierhaltung ist mehr als nur ein Beruf, es ist ein Lebensstil, charakteristisch für die sámische Lebensweise.
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| Das Rentier
Wilde Rentiere leben in Herden in den nörd-lichsten Teilen Europas und Asiens. Die in Schweden vorkommenden Rentiere sind halbzahm. Im Sommer nutzen sie die Bergweiden und ernähren sich hauptsächlich von Gras, Blättern, Kräutern und Pilzen. Im Winter ziehen die Rentiere in die tiefer gelegenen, bewaldeten Gebiete und ernähren sich v.a. von Bodenflechten. Im Gegensatz zu anderen Hirscharten verbeißen Rentiere keine Nadelbäume. In den letzten Jahren hat die Anzahl der Rentiere deutlich abgenommen. Heute liegt die Zahl der registrierten Rentiere mit ca. 228.000 deutlich unterhalb der gesetzlich festgesetzten Höchstzahl von 276.000 Tieren. Winterwald Die weiche Schneedecke im Schutz der Wälder ermöglicht es den Rentieren, auch bei dickeren Schneeschichten die Bodenflechten freizugraben. An Bäumen hängende Flechten, die nur in alten Wäldern vorkom-men, dienen als Notnahrung, wenn Bodenflechten aufgrund von Eis und verharschter Schneedecke nicht zugänglich sind. Bodenbearbeitung hat die Bodenflechten in weiten Teilen der Wälder verschwinden lassen. Auf den Kahlschlagflächen ist die Schneedecke so verdichtet, daß die Boden-flechten nur bedingt erreichbar sind. Für die Rentierhaltung der Sámi sind die folgenden drei Punkte von zentraler Bedeutung: Zugang zum Wald als Winterweide. |
Zugang zu Waldgebieten, die einem
guten Bestand an Bodenflechten bieten.
Ungestörte Waldgebiete, die einen guten Vorrat an Hängeflechten bieten. In den meisten Wäldern sind diese Vorraussetzungen nicht mehr erfüllt. Gewohnheitsrecht auf Winterweide In der letzten Hälfte dieses Jahrtausends wurde Sápmi allmählich von Schweden, Norwegen, Finnland und Rußland kolonialisiert. Das sámische Volk besitzt kein Land. Einzig das Gewohnheitsrecht der Sámi auf Winterweide in allen Waldgebieten, unab-hängig vom Besitzstand, ist im schwedischen Gesetz verankert. Eine genaue geographische Grenze bezüglich der Gültigkeit der Weiderechte ist jedoch nicht gesetzlich festgelegt. Im Konfliktfall verlangt die Gesetzgebung von den Sámi, ihre Rechte vor Gericht schriftlich zu belegen. Eine schriftliche Anerkennung ihrer Rechte haben die Sámi vom schwedischen Staat jedoch nie erhalten. Genau diese sollen sie aber heute zum Beweis ihres Gewohnheitsrechts vorlegen. Was passiert mit dem Holz und Papier aus schwedischen Wäldern? Waldbesitzer leben vom Nutzholz aus ihren Wäldern. Das Holz wird an Sägewerke verkauft und zu Holz-, Papp- und Papierprodukten verarbeitet. Etwa 70 Prozent des in Schweden hergestellten Schnittholzes und ca. 80 Prozent der dort hergestellten Papier-produkte werden nach Westeuropa exportiert, v. a. nach England, Deutschland, Holland und Frankreich.
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| Die Forderungen der Sámi
Die Sámi fordern, daß ihre Rechte respektiert
werden und die Nutzung der Wälder in Schweden auch ihre Bedürfnisse
berücksichtigt. Land bedeutet Leben! Das Recht auf Zugang zu Rentierwinterweidegebieten
ist eine Frage des Überlebens für die Sámi und ihre Kultur.
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Lösungswege
Der seit langem schwelende Konflikt um Landnutzung in Gebieten, in denen sowohl Privatwaldbesitzer als auch Sámi das Land traditionell nutzen, muß endlich gelöst werden. Dazu gehört, daß die Rechte der Sámi gesetzlich verankert werden und ein staatlich finanzierter Fond eingerichtet wird, um Privatwaldbesitzer für etwaige Einbußen zu entschädigen. Unmittelbarer Handlungsbedarf Mehrere Sámigemeinden stehen heute vor Gericht. Die Zeit drängt. Unmittelbare Abhilfe im Konflikt schafft der FSC, denn die Prinzipien und Kritierien des FSC respektieren generell die Rechte indigener Völker. Die schwedischen FSC Standards garantieren das Weiderecht der Sámi auf allen tradi-tionellen Winterweideflächen. |
| FSC Forest
Stewardship Council
Der Forest Stewardship Council oder Weltforstrat ist eine internationale Nichtregierungsorganisation, die von Vertretern aus Umweltorganisationen, Holzverbänden, der Forstwirtschaft und indigenen Völkern aus 25 Ländern gegründet wurde. Ziel des FSC ist die Förderung einer umweltverantwortlichen, sozialverträglichen und ökonomisch tragfähigen Bewirtschaftung der Wälder der Erde. Der FSC respektiert die Rechte indigener Völker, der schwedische FSC Standard garantiert auch das Recht der Sámi auf Winterweide auf allen bewaldeten Flächen. Die Stärke der FSC-Zertifizierung liegt in der neutralen, unabhängigen Beurteilung und Kontrolle und damit in der Glaubwürdigkeit gegenüber den VerbraucherInnen. |
| Zum
Beispiel Tåssåsen
Die Sámigemeinde von Tåssåsen ist eine der Gemeinden, die kürzlich von einer Gruppe privater Waldbesitzer verklagt wurde. Außerdem ist Tåssåsen von einem weiteren Gerichtsprozeß betroffen, in dem 1990 eine Sammelklage gegen fünf Sámigemeinden erhoben wurde. 1996 verloren die Sámi den Prozeß in erster Instanz. Zur Zeit läuft das Berufungsverfahren. Die Prozeßkosten für die Sámi liegen heute bei 2,5 Millionen DM. Für die Sámi von Tåssåsen sind die Gerichtsprozesse eine Frage des Über-lebens. Die Verfahren betreffen 75 Prozent ihres Winterweidelandes. Die Chancen, die Prozesse zu gewinnen, sind äußerst gering, da es die erforderlichen schriftlichen Dokumente, die das Gewohnheitsrecht beweisen, nicht gibt. Die Rentierweide auf die Berggebiete zu begrenzen, ist nicht möglich, da nur die im Wald vorkommenden Flechten das Überleben der Rentiere in den sechs Wintermonaten garantieren. Die Größe des verfügbaren Winterweide-landes bestimmt die Herdengröße. Einige der am Prozeß beteiligten privaten Waldbesitzer sind bereit, Rentierweide in ihren Wäldern zu akzeptieren, wenn sie für durch Rentiere entstehende Schäden an Jungpflanzen Schadensersatz erhalten. Die Sámi von Tåssåsen haben daher vorgeschlagen, einen staatlich finanzierten Fond einzurichten, der private Waldbesitzer im Schadensfall entschädigen soll. |
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